26.7. | Das Ende ist erst der Anfang

18.00/20.30

das-ende-ist-erst-der-anfangWilly und Esther laufen ziellos durch eine unwirtliche Landschaft, nirgendwo in Belgien. Sie sind überzeugt davon, dass das Ende der Welt nahe ist, immerhin ist das im Fernsehen angekündigt worden. Zur gleichen Zeit fahren die Ganoven Cochise und Gilou in ihrem Pick-Up durch dieselbe gottverlassene Gegend, um ihrem Auftraggeber sein gestohlenes Mobiltelefon mit allerlei sensiblen Informationen darauf wieder zu beschaffen. Eine Nadel in einem verdammten Heuhaufen. Die Wege der beiden Duos kreuzen sich. Außerdem hat der Regisseur Bouli Lanners seine Geschichte mit einigen skurrilen Randgestalten angereichert. So taucht ab und an ein Mann namens Jesus am Straßenrand auf, lächelt milde und gibt rätselhafte Weisheiten von sich. Auch ein Kurzauftritt des mittlerweile 87jährigen Max von Sydow als klappriger Grabredner ist eingebaut. Man merkt dem Film die vielen Vorbilder an, die hier zitiert werden. Die Coen-Brüder gehören dazu ebenso wie Aki Kaurismäki, einen Schuss Quentin Tarantino und Lars von Trier gibt es auch. Das ist vielleicht am Ende ein bisschen zu viel des guten, aber einen lakonischen und skurrilen belgischen Western, den sieht man auch nicht alle Tage. Passt schon.

Belgien 2016, Regie: Bouli Lanners, Darsteller: Bouli Lanners, Albert Dupontel, ab 12, 97 min

19.7. | Born to Be Blue

18.00/20.30

born_to_be_blueDer Trompeter Chet Baker war ein Ausnahmemusiker. Wahlweise als „Mr. Cool“ oder „James Dean des Jazz“ tituliert, erklomm er in den 1950er Jahren die höchsten musikalischen Gipfel. Zehn Jahre später ist Baker völlig am Ende. Von Heroinsucht schwer gezeichnet, wird er in San Francisco brutal zusammengeschlagen und büßt mehrere Zähne ein. Für einen wie ihn kommt das einem Berufsverbot gleich: „Ein Trompeter ohne Zähne ist wie ein Pianist ohne Hände“ sagt er selbst. Doch Baker ist nicht gewillt, einfach klein beizugeben. Bedingungslos unterstützt von seiner neuen Freundin Jane (Carmen Ejogo) will er es seinen Weggefährten und Konkurrenten Dizzy Gillespie und Miles Davis noch einmal zeigen: Mit dem alten Westcoast-Jazzer ist immer noch zu rechnen ! Regisseur Robert Budreau hat seine Hauptfigur mit Ethan Hawke besetzt und damit eine wirklich gute Wahl getroffen. Hawke spielt den Jazz-Musiker sehr überzeugend, mit viel Schmerz in der Seele und großer Wahrhaftigkeit. Robert Budreau präsentiert einen atmosphärisch überaus dichten Film. Was die historische Wahrheit anbelangt, geht der Regisseur allerdings zuweilen, nun ja, experimentierfreudig zu Werke. Da werden manche Begebenheiten schon mal so zurechtgebogen, dass es dramaturgisch passt. Der Wirkung des Films muss das nicht schaden. Budreau arbeitet ausgiebig mit Rückblenden, Traumsequenzen und Halluzinationen. Zuweilen fühlt man sich regelrecht hineingesaugt in diesen betörenden Bilderreigen. Wer mehr Fakten möchte, dem sei ergänzend Bruce Webers Chet Baker-Dokumentation „Let’s get lost“ aus dem Jahre 1988 ans Herz gelegt.

Großbritannien/Kanada 2015, Regie: Robert Budreau, Darsteller: Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie, ab 12, 98 min

12.7.| Der Effekt des Wassers

18.00/20.30

der-effekt-des-wassers-2016-filmplakat-rcm590x842uAgathe (Florence Loiret Caille) ist äußerst selbstbewusst und weiß sich ihrer Haut zu wehren. Insbesondere wenn es gilt unliebsame Verehrer in die Schranken zu weisen, geht so richtig die Post ab. So sehr, dass allen Umstehenden angst und bange dabei wird. Allen außer einem. Samir (Samir Guesmi) verliebt sich auf den ersten Blick in diese Frau. Als er erfährt, dass seine Angebetete als Schwimmlehrerein in Montreuil arbeitet, gibt er sich als Nichtschwimmer aus, um von ihr unterrichtet zu werden. Tatsächlich gelingt es dem schüchternen und etwas tollpatschigen Samir, Agathes Interesse zu wecken. Aber, irgendwann kommt die Wahrheit doch ans Licht, die Schwimmlehrerin lässt ihren Verehrer wutentbrannt stehen – und fliegt zu einem internationalen Bademeisterkongress nach Reykjavik. Samir jedoch gibt nicht auf und reist ihr hinterher. Normalerweise würde man jetzt von Stalking sprechen, aber Samir Guesmi macht aus seiner Rolle einen so liebenswürdigen, unbeholfen verliebten Mann, dass man mehr Mitleid mit ihm bekommt anstatt sein Verhalten gruselig zu finden. Die amüsante Liebeskomödie ist der letzte Film der isländischen Regisseurin Solveig Anspach, die bei der Postproduktion des Films mit nur 54 Jahren an Krebs starb. Lakonischen Humor, viel Herz und charmant agierende Schauspieler bietet dieser Film – ein überaus passendes Vermächtnis von und für Solveig Anspach. Und ein internationaler Bademeisterkongress in Reykjavik – darauf muss man auch erst mal kommen.

Frankreich/Island 2016, Regie: Solveig Anspach, Darsteller: Florence Loiret Caille, Samir Guesmi, ab 6, 83 min

5.7. | Nocturama

18.00/20.30

NocturamaSechs junge Leute unterschiedlicher Herkunft, Religion und Gesellschaftsschicht mitten in Paris. Sie streifen einzeln durch die Stadt, aber ab und zu treffen sie sich, in der U-Bahn und anderswo. Sie tauschen nur Blicke und wenige Worte. Eines verbindet sie, der Hass auf das kapitalistische System. Und auch ihr Vorhaben. Gerade haben sie überall in der Stadt Sprengsätze deponiert, die demnächst hochgehen werden. Dann fliehen sie gemeinsam in ein Kaufhaus. In dem schallisolierten Gebäude konsumieren sie hemmungslos und lassen es so richtig krachen, die Hightech-Stereoanlage gibt es ja frei Haus. Der Regisseur Bertrand Bonello präsentierte diesen zugleich zynischen wie mysteriösen Film zur falschen Zeit am falschen Ort. Im August 2016, nach den Terror-Attentaten von Paris und Nizza, wollte in Frankreich keiner etwas hören von einer Gruppe junger Leute, die eine Anschlagsserie vorbereiten. Da half es dem Filmemacher wenig, glaubhaft versichern zu können, er habe die Idee zu diesem Film bereits fünf Jahre vorher im Kopf gehabt und sein Werk sei keineswegs eine Reaktion auf die islamistischen Anschläge der letzten Zeit. Bonello geht es ganz allgemein um die sich verloren und abgehängt fühlende Jugend der Seine-Metropole in einer Atmosphäre zwischen Aufruhr und Verzweiflung. Und er setzt gezielt auf die eigentliche Provokation des Films: Bombenleger im Konsumrausch, die gewalttätigen Systembekämpfer liegen am Ende mit Schampus und Kaviar in Schaumbädern und Wasserbetten.

Frankreich 2016, Regie: Bertrand Bonello, Darsteller: Finnegan Oldfield, Vincent Rottiers, Hamza Meziani, ohne Altersangabe, 130 min