29.6. | Wild

18.00/20.30

wildÜberaus unscheinbar beginnt dieser Film. In einer gesichtslosen und austauschbaren Stadt im Osten Deutschlands arbeitet Ania (Lilith Stangenberg) in einem ebenso austauschbaren Unternehmen. Jeden Tag fährt sie mit der Bahn in die Firma, sitzt am Rechner und versorgt ihren Chef Boris (Georg Friedrich) mit Kaffee. Ein gehorsames Mauerblümchen. Doch dann passiert etwas, das ihre gesamte Existenz auf den Kopf stellt. Sie sieht, aus der Bahn heraus, einen Wolf am Rande eines Parks. Einen Blick nur tauschen Frau und Tier aus, einen Blick jedoch, der alles ändert. Ania versucht das Tier einzufangen und als sie dem Raubtier lebende Hasen als Futter präsentiert, gelingt ihr das sogar. Ein ungewöhnliches, fast zärtliches Verhältnis entsteht zwischen Mensch und Tier, das Anias bisheriges langweiliges Leben für immer beendet. Lilith Stangenberg spielt diese zunehmend innige „Beziehung“ zwischen Frau und Wolf bemerkenswert furchtlos – ein symbiotisches Verhältnis, das teilweise erotische Züge annimmt. Befreit von den Fesseln ihres bürgerlichen Lebens und den Normen der Gesellschaft lebt Ania ihre animalische Seite kompromisslos aus. Der Regisseurin Nicolette Krebitz geht es genau um diesen Gegensatz, der einsame Wolf in der Zivilisation, das Tier im Manne bzw. der Frau. Ein bizarres und gewagtes, auf jeden Fall aber wildes Stück Kino.

Deutschland 2015, Regie: Nicolette Krebitz, Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, ohne Altersangabe, 97 min

 

22.6. | Ein letzter Tango

18.00/20.30

ein-letzter-tangoMaria Nieves Rego (80) und Juan Carlos Copes (83) sind die berühmtesten Tangotänzer Argentiniens und haben diesen Tanz revolutioniert. Sie waren nicht nur ein Tanz- sondern auch ein Liebespaar. Als die Liebe zerbrach, ging die Karriere trotzdem weiter. The show must go on. Irgendwann war dann doch Schluss. Seitdem herrscht Eiszeit zwischen den beiden. Dem in Buenos Aires geborenen deutschen Regisseur German Kral ist es wundersamerweise gelungen, die Zerstrittenen noch einmal zu einer Begegnung zu überreden, zu einem letzten Tango sozusagen. Vor der Kamera lassen die beiden Senioren ihr Leben Revue passieren von den 40er Jahren bis heute. So entsteht ein bewegendes Portrait über eines der berühmtesten Tanzpaare – mit einem exquisiten Soundtrack, furiosen Tango-Einlagen und eleganten Rückblenden, die diese Dokumentation auch formal zu einem Genuss machen. Eine leidenschaftliche Hommage an den Tanz – nicht nur für Tango-Fans.

Argentinien 2015, Regie: German Kral, Dokumentation, ohne Altersbeschränkung, 84 min

15.6. | Unter dem Sand

18.00/20.30

unter-dem-sandDer dänische Regisseur Martin Zandvliet erzählt in seinem Film „Unter dem Sand“ eine weithin unbekannte Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges. Das dänische Militär setzte im Sommer 1945 mehr als 2000 deutsche Kriegsgefangene ein, die in drei Monaten 45.000 Minen von einem Abschnitt der Westküste Dänemarks entfernen sollten. Minen, die ihre Kameraden kurz vor Kriegsende dort vergraben hatten, um eine Invasion der Alliierten zu erschweren. Viele dieser Kriegsgefangenen waren Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren, das letzte Aufgebot des NS-Regimes. Nur knapp die Hälfte von ihnen kehrte unversehrt nach Hause zurück. Auch von den 14 Jungs, deren schmutzige, angsterfüllte und resignierte Gesichter die Kamera immer wieder in Großaufnahme einfängt, wird nur ein Bruchteil überleben. Sie sind Feldwebel Rasmussen (Roland Moeller) zugeteilt, der zunächst vor Zorn auf die deutschen Usurpatoren zu platzen scheint. Sein Unbehagen, die Milchgesichter in die gefährlichen Minenfelder zu schicken, wo sie das Teufelszeug mit bloßen Händen entschärfen müssen, wächst jedoch langsam, aber stetig. Der Däne und die Deutschen nähern sich an. Rasmussen besorgt Essen, tröstet, scherzt sogar ein wenig mit einem der Jungs. Die jungen Deutschen schwanken zwischen Verzweiflung, Entsetzen und vorsichtigem Optimismus. Jederzeit kann diese Zuversicht von einem Knall zerstört werden – wenn einer der Jungs von einer Mine erwischt wird. Roland Moeller entgleitet seine Feldwebel-Figur kein einziges Mal in Richtung Sentimentalität, er spielt sie bewundernswert subtil. „Du hättest mir sagen sollen, dass es sich um Kinder handelt“ herrscht er einmal seinen kaltschnäuzigen Vorgesetzten an. „Sie sind Deutsche“, antwortet Leutnant Ebbe (Mikkel Boe Folsgaard), als rede er über Ungeziefer. In den bisherigen Filmen über den Zweiten Weltkrieg hatten solche Figuren eine Wehrmachts- oder SS-Uniform an. Zandvliet zeigt, dass sich dieser Typ in allen Armeen der Welt fand und immer noch findet, als fatale Mischung aus Technokrat und Sadist.

Dänemark 2015, Regie: Martin Zandvliet, Darsteller: Roland Moeller, Louis Hofmann, Mikkel Boe Folsgaard, ohne Altersangabe, 101 min

8.6. | Im Strahl der Sonne

18.00/20.30

Im Strahl der Sonne

Eine Dokumentation über und vor allem in Nordkorea zu drehen, ist eigentlich völlig unmöglich. Dem in der heutigen Ukraine geborenen Regisseur Vitaly Mansky gelang es dennoch, nach zähen Verhandlungen eine Einreisegenehmigung zu bekommen. Er berichtet über das Leben einer dreiköpfigen Familie in Beruf und Privatleben. Selbstredend ist alles vom Regime inszeniert. Nur in ganz wenigen Momenten gelang es Mansky, wirklich unabhängig und unbeobachtet zu drehen. Ansonsten wird das idealisierte Leben der Familie vorgestellt, die Arbeit der Eltern in der Fabrik und das traute Zusammenleben in einer schönen Dreizimmer-Wohnung. Doch Mansky schaffte es, das gesamte Filmmaterial der kontrollierten Dreharbeiten heimlich außer  Landes zu schmuggeln und so zu montieren, dass die Inszenierung überdeutlich wird. Da sieht man den Vater das koreanische Nationalgericht Kimchi preisen – und sieht die Szene noch einmal und noch einmal sowie die Belehrung der achtjährigen Tochter durch einen Partei-Offiziellen, sich gefälligst natürlich zu verhalten, wie zuhause sozusagen. Die Fassade des Potemkinschen Dorfes ist mit Händen zu greifen und entsprechende Proteste des nordkoreanischen Regimes ließen nach der Filmpremiere auch nicht lange auf sich warten. Die wahren Missstände des nordkoreanischen Lebens kann der Film zwar fast gar nicht zeigen, doch die Tragik dieses Landes unter der Fuchtel der Diktatur wird dennoch überdeutlich. “Im Strahl der Sonne“ wirft ein kleines, aber eindringliches Schlaglicht hinter die Fassade des am meisten abgeschotteten Landes dieser Welt.

Russland/Nordkorea 2015, Regie: Vitaly Mansky, Dokumentation (Original mit Untertiteln), ohne Altersangabe, 90 min

1.6. | Birnenkuchen mit Lavendel

18.00/20.30

BirnenkuchenDie junge Witwe Louise (Virginie Efira) lebt zwar in der zauberhaft schönen Provence, hat aber keine Augen für ihre Umgebung. Zu schwer kämpft sie mit ihren Problemen: Ihr Obst- und Gemüsestand läuft miserabel, die Hausbank will den Kredit kündigen, die beiden Kinder rebellieren… Da läuft ihr Pierre (Benjamin Lavernhe) ins Auto und sie nimmt den Leichtverletzten erst einmal mit nach Hause. Diese Begegnung wird ihr Leben verändern. Pierre erweist sich als hoch intelligenter Mensch mit Asperger-Syndrom, einer leichten Form des Autismus. Er ist ein Einzelgänger und will sich nicht berühren lassen, zeigt sich aber sehr anhänglich und offen. Seine Kommunikationsversuche geraten eher tapsig und unbeholfen, strahlen jedoch einen ungeheuren Charme aus. Die Kinder haben ihn von der ersten Sekunde an in ihr Herz geschlossen. Auch Louise fühlt sich zu ihm hingezogen, aber es geht nicht um Sex, nur manchmal knistert es ein wenig zwischen den beiden. Im Mittelpunkt steht etwas ganz anderes und unerhört altmodisches, etwas wie Seelenverwandschaft und gegenseitige Akzeptanz. Dem Regisseur Eric Besnard  gelingt das Kunststück, Pierre als einen ganz normalen Menschen zu zeigen, der nicht „behindert“ ist, sondern einfach ein paar liebenswürdige Eigenheiten aufweist. Ein übriges tun die traumschönen Bilder der provencalischen Lavendelfelder und blühenden Obstbäume – eine überwältigende Naturkulisse leuchtet einem von der Leinwand entgegen. Diese romantische, aber völlig kitschfrei inszenierte Komödie macht glücklich und das nächste Urlaubsziel ist irgendwie auch schon klar…

Frankreich 2015, Regie: Eric Besnard, Darsteller: Virginie Efira, Benjamin Lavernhe, Lucie Fagedet, ohne Altersangabe, 101 min